Ein Interview mit Dirk Ertel

„Sein Daumen war nur noch halb so hoch“

Frage:
Herr Ertel, Sie haben Tamburello in Deutschland eingeführt. Wie sind Sie auf diesen Sport aufmerksam geworden?

Dirk Ertel:
Zunächst einmal bin ich nicht auf den Sport, sondern auf das Gerät aufmerksam geworden, und zwar am Strand von Sizilien Mitte der 1980er Jahre. Freunde dort vor Ort hatten das Gerät mit an den Strand genommen und mit mir gespielt und ich fand es sofort super. Dann vergingen einige Sommer, in denen ich immer wieder meine Freunde dort besuchte und auchimmer wieder mit diesen „geilen“ Teilen spielte. Inzwischen war ich Student an der Deutschen Sporthochschule und es stand auch irgendwann eine Diplomarbeit an. Da sagte ich zu meiner Freundin und heutigen Frau: „Hey, jetzt nehmen wir uns doch endlich mal ein paar dieser Schläger mit nach Hause, ist doch auch ein schönes und witziges Geschenk für Freunde. Und außerdem kümmere ich mich mal um die Hintergründe zu diesem Gerät“ - was ich dann auch tat, und zwar zunächst bei dem Sportgeschäft, wo ich die Schläger gekauft hatte. Jedoch konnte mir der Verkäufer auch nichts Weiteres über die Herkunft sagen und so beauftragte ich einen meiner Freunde dort unten, mir doch mal ein paar Infos zu besorgen. Er tat dann den italienischen Verband auf und die Ursprungsvariante dieses Spiels, die nichts mit dem ‚Freizeit-Hin-und-Her’ am Strand zu tun hatte, sondern ein richtiger Mannschaftssport war, der in Norditalien noch in einigen Dörfern - teilweise semiprofessionell - betrieben wurde. Ich versuchte dann, mich im Internet weiter hierüber zu informieren – Fehlanzeige. Danach bekam ich einen Kontakt zu einem Sportlehrer in Neuss, der dieses Spiel aus Südfrankreich kannte und es an seinem Gymnasium in Form einer AG etabliert hatte. Die Jungs aus dieser AG hatten auf Initiative dieses Sportlehrers sogar an der Meisterschaftsrunde in Nordfrankreich teilgenommen. Über diesen Sportlehrer bekam ich dann Kontakt zu dem damaligen Vizepräsidenten des italienischen und internationalen Tamburello-Verbandes, Dr. Rissone, zu dem sich bis zum heutigen Tage eine enge Freundschaft entwickelte. Über ihn wurde ich Hauptansprechpartner für den internationalen Verband für die Entwicklung des Tamburellosports in Deutschland.

Frage:
Was zeichnet diesen Sport aus? Was ist das Besondere?

Dirk Ertel:
Dieser Sport wird, wie auch sein Name, geprägt von dem Spielgerät und seinen Eigenschaften. Durch die kreisrunde Form des TAMs lässt sich das feine Nylongeflecht mit sehr hohen Kilogrammzahlen bespannen. So ist ein TAM an die hundertmal stärker bespannt als ein Tennisschläger, bis zu drei Tonnen. Dadurch kommt es zu dem enormen Trampolin- bzw. Katapulteffekt, je schwerer der Ball wird. Diese ungeheure Power spürt man ganz unmittelbar dadurch, dass im Gegensatz zu herkömmlichen Schlägern kein Stil (Schaft) vorhanden ist. Hierdurch kommt es zu einem unmittelbaren Kontakt der Hand bzw. dem Daumen mit dem Rahmen bzw. mit der Bespannung. Somit ist für die verschiedenen Spielformen vor allem erst einmal sehr viel Gefühl und Timing gefragt. Je mehr man das Gerät beherrschen lernt, umso mehr eigene Dynamik kommt dann noch hinzu. Außerdem hat jede Spielform zudem ihren eigenen Reiz: Beim Beach ist es das Springen im Sand mit Sommergefühl, beim Indoor das Mannschaftserlebnis mit schnellen Reaktionen und Schlagdynamik und beim Classic der Nervenkitzel, den harten, schweren Ball mit perfektem Timing gut zu treffen und ohne viel Kraft über 100m zu spielen – ein unglaubliches Gefühl...

Frage:
Gibt es Kuriositäten bei diesem Sport?

Dirk Ertel:
Kurios sind immer wieder die Leute, die sich diesem Sport öffnen. Es herrscht gerade unter den neuen Nationen, die zu diesem Spiel gefunden haben, eine tolle Stimmung, weil es natürlich alle vereint, etwas ganz Besonderes auszuüben, für das sie in der Gruppe viel Anerkennung finden, hingegen als Einzelner häufig ein Kopfschütteln ernten. Eine weitere Kuriosität ist sicherlich auch mein Treffen mit einem über 80 Jahre alten Tamburellospieler vor ein paar Jahren, der mir nicht wenig stolz seinen Daumen präsentiert hatte, nachdem ich fragte, ob er nicht in all den Jahren auch ein paar mal den Ball auf den Daumen bekommen hätte – er hielt beide Daumen nebeneinander und der eine war tatsächlich nur halb so hoch.

Frage:
Tamburello ist eine Mischung aus Badminton und Beachvolleyball. Wo liegen die Unterschiede zu diesen beiden klassischen Sportarten?

Dirk Ertel:
Die Mischung aus Badminton und Beachvolleyball betrifft vor allem TAMbeach, das ebenfalls über ein Netz gespielt wird. Allerdings sind die offiziellen Feldmaße größer als beim Beachvolleyball und damit wesentlich größer als beim Badminton. Wesentlicher Unterschied zum Beachvolleyball sind die direkten Ballwechsel wie im Tennis, also ohne „Stellen“. Dadurch ist eine extrem hohe Ausdauerleistung nötig und es kommt wesentlich häufiger zu den vom Zuschauer gewünschten, spektakulären Hechtsprüngen. Das Schmettern jedoch ist eher seltener. Das ist auch der wesentliche Unterschied zum Badminton, wo der Schmetterschlag eine sehr hohe Bedeutung hat und oftmals zum Punkt führt. Beim TAMbeach hingegen wird der Gegner zu Fehlern gezwungen und nicht selten ist es am Ende die Erschöpfung, die zu einem Fehler führt und einen Ball nicht mehr erreichen lässt.

Frage:
Welche Ausrüstung ist erforderlich, um Tamburello spielen zu können?

Dirk Ertel:
Entsprechende, zu der Spielvariante passende Schläger, ansonsten unterschiedliches Schuhwerk (Indoor, Classic), ein Original-Netz (Beach) bzw. ein Netzadapter, der die Maschen etwas kleiner macht, damit der Ball aufgehalten wird.

Frage:
Es existieren drei Varianten des Spiels Tamburello. Welche ist in Deutschland am populärsten?

Dirk Ertel:
TAMbeach. Die Entwicklung geht seit einigen Jahren schon Richtung Individualität, sprich weg von den Vereinen, hin zum Trend- und Funsport außerhalb der Vereine. Von daher ist es für TAMbeach zunächst leichter, Begeisterung zu schaffen.

Frage:
Gibt es bereits Vereine, die Tamburello anbieten?

Dirk Ertel:
Berlin, Paderborn, Dresden, Hannover, Köln, Buxtehude, Heiligenstedten, Roßbach (Sachsen) sowie möglicherweise einige andere, die uns nur noch nicht bekannt sind, da sie sich bisher auf Turnieren noch nicht gezeigt haben.

Frage:
Wie viele Deutsche spielen aktiv Tamburello?

Dirk Ertel:
Offiziell circa 200, allerdings wurden in den letzten 10 Jahren bereits über 15000 Schläger in Deutschland verkauft und die müssen ja auch irgendwo geblieben sein.

Frage:
2007 fand der Europacup in Köln statt. Sie haben sich von diesem Großereignis den Durchbruch für Tamburello in Deutschland erhofft. Wie lautet Ihr Fazit?

Dirk Ertel:
Leider fällt das Fazit nicht so aus, wie wir uns das vorgestellt hatten. Auf der einen Seite war es wichtig, dass wir das erste Land waren, dass den Europacup außerhalb von Italien und Frankreich organisiert hat. Das wird uns nicht mehr zu nehmen sein und untermauert unseren internationalen Stellenwert in diesem Sport. Außerdem wurden wir von allen teilnehmenden Ländern sowie den Verbandsverantwortlichen begeistert gelobt. Deren Fazit war, dass es der bestorganisierteste und hochklassigste Europacup in der Geschichte des Tamburellosports war. Von daher können wir sehr stolz auf uns sein. Auf der anderen Seite fiel der Europacup in eine Zeit, in der es insgesamt etwas ruhiger um Tamburello geworden war und ich hatte mir eigentlich anschließend eine größere Motivation und mehr Engagement bei den deutschen Teilnehmern versprochen.

 

Das Interview führte Lars Pallme König

Quelle: www.nachbarsport.de

 

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